alltäglich

Wien wollte nie ein Dorf sein

Obwohl ich die Aussage „Wien ist ein Dorf!“ irgendwie unangebracht find, rutscht sie mir dennoch des Öfteren über die Lippen. Ich bin ein Landkind, ich komm aus einer Marktgemeinde die noch nicht einmal 14.000 EinwohnerInnen beherbergt, demnach also (nach welcher (Bauern)Regel auch immer), noch keine Stadt ist – und es wahrscheinlich auch nie sein wird – Wahrscheinlicher ist, dass das dicht besiedelte Vorarlberg in naher Zukunft derart zusammenwachsen wird, dass es zu einer Megastadt fusionieren könnte; also dann eh so quasi wie Wien. Trotzdem sind wir in meinem Heimatort aber stolz darauf, kein Dorf zu sein. Ein Dorf ist etwas ganz anderes. Etwas Nettes, Kleines, ja Überschaubares. Von Zeit zu Zeit läufst du gewissenhaft den immer gleichen Personen über den Weg. Kennst sie, weißt über ihre Tagesabläufe Bescheid, holst bei den Nachbarn Lebensmittel die du selber nicht zuhause hast und kommst auf Besuch, ohne dich vorher anzumelden. Das ist aber alles nicht Wien.

Ja, in Wien laufe ich auch ständig den immer selben Personen zufällig über den Weg. Es gibt bekannte Gesichter wie den „Darf ich dich auf ein Bier einladen“-U4-Fahrer mit seinen zerrissenen Jeans und seiner kecken Lederjacke; es gibt den Weihnachtsmann-Opa der beinahe täglich die MaHü auf seinem automatischen Rollstuhl patrouilliert; auch der singende Augustin-„bitte kaufen, nicht weglaufen!“-Verkäufer lässt sich mit seinem mächtigen Schild und seinem Kilometerweit hörbaren Singsang in den verschiedensten Bezirken blicken. Meine Wege kreuzen sich auch sehr oft mit Dem Captain; im dunklen Anzug, bestückt mit tief roter Krawatte, lange Zeit war er immer ums Fluc herum unterwegs und hat dir abwechselnd von seinem Status als König, Captain oder Pharao erzählt. Und dann sind da diese Tage an denen ich im Liebling sitz und mein Hipsterfrühstück zu mir nehm, während neben mir Marcel Mohab Kaffee trinkt. Ja, den Namen musste ich auch googlen, aber wer ‚Was hat uns bloß so ruiniert?’ gesehen hat, würde ihn sofort erkennen. Oder letztens im Schikaneder zündet sich Georg Friedrich eine Tschik neben mir an; cooler Rucksack trägt der mit sich rum!

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Wäre Wien also ein Dorf, würde ich zumindest meine Nachbarn kennen. Ich habs in keiner meiner bisherigen Wohnungen geschafft; und seis auch nur um der Lebensmittelschnorrerei wegen. Es geht ja nicht darum, dass ich die Personen, die Wand an Wand mit mir im selben Gebäude wohnen, nicht kennen lernen will. Es kommt nur einfach nie dazu. Wenn, dann ein kurzes „Hi!“, wenn’s grad so passiert, dass man zur gleichen Zeit nachhause kommt oder sich die Eingangstüre in die Hand gibt. Hier in meiner neuen Wohnung in 1050 höre ich täglich den Fernseher meiner Nachbarn, ich weiß von welchen Programmen sie sich unterhalten lassen; sie wissen, wie oft ich Wäsche wasche und welche Musik ich höre. Nachts, wenn alle Parteien schlafen, trennen uns gerade mal 100cm; „isoliert“, nach der antiken Wiener Methode, mit Müll, Steinen, alten Dübeln und zerbröselten Ziegeln aus der K&K Zeit.

Vom Erdgeschoss, einige Wohnungen unter uns, dringt von Zeit zu Zeit das charmante Geträller der dort wohnenden Opernsängerin bis in mein Schlafzimmer herauf. Irgendwo über mir scheint eine Person zu wohnen, die, genau wie ich, gerne Musik mit Bass hört und dies auch lebhaft mit dem ganzen Haus teilt; genau wie ich. Den einzigen Besuch den ich übrigens bis dato vor meiner Wohnungstüre begrüßen durfte, ist weiblich, alt und wohnt über mir. Alt ist vielleicht übertrieben, aber sie gibt sich alt. Besagte Dame kommt nämlich regelmäßig noch vor (!!!) 18:00 Uhr wütend die Treppen herunter gestampft, um sich, sturmklingelnd, pustend und nach Luft schnappend (Ich weiß nicht, ist der Stiegenabgang derart anstrengend oder ist sie etwa so wütend?!); auf alle fälle nicht nett, abwechselnd bei mir oder meiner Mitbewohnerin zu beklagen, dass „ma dön Bass bis rrrauf hört! Unerhörrrt!“ – eh gehört, gute Ohren, Oide. Oder vibrieren etwa die Dritten im Glas neben dem Bett? Wusste gar nicht, dass mein Subwoofer so gut ist, ha! Aber gut; nicken, entschuldigen, Augen verdrehen, Musik runter drehen, einen weiteren Besuch verwehren. Die alte Dame im Haus gegenüber, die ich von meinem Küchenfenster aus beim Dinge sortieren beobachten kann, scheint dies alles nicht zu stören. Sie sitz gebeugt über ihrem Küchentisch, wird am Kopf von einem gelblichen Schein über ihr beleuchtet und wuselt hoch konzentriert an Irgendetwas herum. Beim Reden kommen die Leut ja bekanntlich zam; zuhören will nur keiner. Ich schweige lieber und beobachte.

 

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