alltäglich

Verhandeln mit Kater im Kopf

Es ist Freitagnacht, oder eigentlich, wenn wir ehrlich sind, schon Samstagfrüh. Aber sehr früh. Jedoch spät genug, um endlich nachhause zu gehen. Ich spaziere also die glitzer-feuchten Straßen um die Gumpendorfer hinunter zur Naschmarkt-U4 und stoße dort auf reges Treiben. Es handelt sich jedoch nicht um Nachtschwärmende wie ich, auf der Suche nach Orientierung und Licht, sondern vielmehr um eine ganz bestimmte Versammlung gleich- und eigensinniger Wiener Tradition. Eine sich wöchentlich, jeden Samstag, dort ansammelnde quasi-Großfamilie von Handelsleuten. Sie alle machen es sich in den frühen Morgenstunden dieses frischen Tages schon vor Sonnenaufgang gemütlich, um den Besten aller Standplätze für sich in Anspruch nehmen zu können. Eifrig werden Decken ausgebreitet, Tische aufgeklappt und das Hockerl auf seinen Platz gestellt. Aus Thermoskannen steigt Dampf empor, sehr wahrscheinlich duftend nach beinahe frischem Filterkaffee. Frischer als ich auf alle Fälle.

Nach einigen wenigen Stunden schlaf stehe ich an genau dem selben Ort, an dem sich zuvor in der Morgendämmerung des selben Tages die Handelslustigen versammelt haben, um sich bereit zu machen; denn, es ist Flohmarkt-Samstag.

Zögerlich mischen S., die mich an diesem späten Vormittag mit Kaffee zum Leben erweckt hat, und ich uns in die turbulent schätzende und um jeden Cent feilschende Menge. Es sind gefühlt tausend Menschen auf dem Parkplatz um die Kettenbrückengasse versammelt. „Eineuro!“, „Eineuro!“ hören wir aus jeder Richtung. Ehe wir uns versehen und unsere Augen überhaupt an das alle Erwartung übertreffende Angebot gewöhnt haben, streckt uns eine Verkäuferin eine Weste entgegen; unter ihr weitet sich ein wild aufgehäufter Kleiderhaufen aus. „Eineuro!“ schreit sie uns entgegen, ohne auch nur einmal unsere Augen zu erwischen. Sie schaut überall gleichzeitig hin, bedient uns alle zur selben Zeit und mit konstanter Aufmerksamkeit. Ich versuche verwirrt und erstarrt ihr Augenpaar zu erhaschen, scheitere kläglich. S. und ich widmen uns schlichtweg dem Chaos zu unseren Füßen. Auf einem Flohmarkt herrschen andere Regeln. Beim Naschmarktflohmarkt jedoch, da gibt es nicht einmal welche. Trial and Error ist die Devise.

Wühlen, fühlen, finden, verlieren, erhaschen, probieren, weglegen, weiterziehen. Feilschen, fälschen, flanieren, weiterspazieren. Pelzmäntel erregen unsere tunnelblick gebrandmarkte Aufmerksamkeit. Weißes Fell, weich wie der Schnee, glitzernd wie die Vollmondnacht eines Märchens, überzogen mit einem tiefschwarzen Fleckenmuster. „Schneeleopard!“ ruft es von der Seite. Eine Frau tritt an uns heran; fuchtelt mit ihren Händen in der Luft herum, beugt sich herüber und flüstert „Eh, 180€! Is deins!“ Große, ungläubige Augen meinerseits. Wow, Schneeleopard. Das tut weh, dass der da hängt. S. klopft mir auf die Schultern und zieht mich langsam aber bestimmt weg von dem kuscheligen Mantel. Untragbar. Wahr. Ware. Wert.

Am wohl bekanntesten Wiener Flohmarkt wirst du nicht deppat angequatscht. Da hast du Zeit dich dem Verlieren hinzugeben, dich durch den Kram hindurchzusuchen. S. und ich ignorieren die bombastische Masse an neugierigen Wühlmenschen und schreienden Handelsgierigen gekonnt und schieben uns parallel zum Wienfluss den endlos langen Parkplatz entlang. Hie und da finden wir ein nettes Teil, ein Hemd um Eineuro, Trachten-Gilet um Eineuro, einen Pulli den niemand braucht aber cool is er trotzdem um Eineuro. Flohmarkt eben. Von Händlerin zu Händler werden wir weitergereicht und durch die retro-nostalgische Vergangenheit geführt, die hier jetzt und heute neu verkauft wird. Alt ist cool. Noch älter ist wieder modern. Wien hat Style. Oder versucht es zumindest.

Es ist schon spät nachmittags als wir aufgeben und mit zwei vollen Rucksäcken den Marktwahnsinn hinter uns lassen („Wir wollten eh nur bissi schauen gehen.“) Am Anderen Ende werden schon bald die orangenen Riesen der MA48 bedächtig heranrollen und die letzten Überbleibsel des Flohmarktes, sowohl menschlicher als auch stofflicher Natur, vom Platz kehren und dem großen Parkplatz um die Naschmarkt-U4 wieder sein leergraues Aussehen zurückfegen. Kahl und kalt wie sonst an sechs Tagen die Woche wird’s dann wieder ausschauen. Dann wird kein unglaubwürdiger Preis mehr verhandelt, kein Ramsch mehr an die Kaufgeilen verteilt; es werden höchstens noch die leeren Kartons mit einpaarigen Schuhen herumstehen und zwischen Textilfetzen und Plastikflaschen nach Brauchbarem gesucht. Bis es dann eine Woche drauf wieder Freitag Nacht-Samstag Früh wird und die Großfamilie wieder antanzt.

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