alltäglich

Zug um Zug und dann kam Blut

Heute stand mal wieder ein Besuch bei meiner Zahnärztin an. Für mich an sich nichts Schlimmes oder Aufregendes, ich muss da ständig hin. Bin quasi Stammkundin; ich scherz schon über ein Abo mit meiner Ärztin. „Von Geburt an hab ich schlechte Zähne.“ Sowas sagt sich leicht – dann ist weder mein Konsum noch meine unregelmäßige Pflege Schuld. Nein ehrlich, in den vergangenen drei Jahren lag ich derart oft unter der grellen Lampe und lies mir von vier bis sechs Händen im Mundraum herum fummeln, dass ich nun sorgsamer denn je mit meinen Zähnen umgehe. Jeden Abend mindestens 15 Minuten Intensivpflege. Wir arbeiten an unserer Beziehung, ganz fest. Geht’s den Zähnen gut, geht’s mir gut. Umkehrschluss leider nicht möglich…

Naja jedenfalls war heut mal wieder Termin und ich lag bereit, die erste Spritze intus, meine Lippe schlummerte bereits tief, auch mein Ohr und meine Backe wurden (wie es meine Ärztin immer sanft süß sagt) „baumstig“ und ich scherzte mit ihr im breitesten Vorarlberger-Dialekt herum. Kommende Woche werde ich einen immer schon zickigen, in der unteren linken Ecke meiner Mundhöhle herumgrumorenden Backenzahn „angolden“ lassen. Es wird kein Goldzahn, aber zumindest eine Ecke davon. Notwendig, weil mehr als nur kaputt, dennoch zum reißen zu schade. Ganz im Gegenteil zum anliegenden Weisheitszahn. Auch dieser ist meiner Ärztin heute Vormittag aufgefallen. Und zwar negativ. Innerhalb weniger Minuten, während sie am Abschliff meiner going-to-be Goldecke beschäftigt war entschied sie sich für eine spontane Weisheitszahn Extrahierung. Weil ich, eh schon eingespritzt und ruhig daliegend, ihr sozusagen willenslos ausgeliefert war. Ich stimmte sofort zu, bin ja eine Person der Optimierung und hätten wir es auf einen anderen Termin verschoben, wär ich vor lauter Nervosität schon die Tage davor eingegangen.

dav

Es folgt Spritze Nummer zwei, weil noch zu wenig baumstig. Going-to-be Goldecke ist fertig vorbereitet, das Gold kommt jedoch erst kommende Woche. Somit bleibt mir nichts anderes als zu warten, warten auf die Extrahierung. Ich starre in das grelle Licht über mir und versuche mich daran zurückzuerinnern wie es war, als kleines Kind, als ich mir meine Milchzähne selber gezogen habe; oder sie im Mund herumgedreht habe. Zu wenig baumstig, Spritze Nummer drei wird mir ins Gewebe geschossen. Ich spüre schon ein kribbeln, nicht im Mund aber im gesamten Kreislauf. Und ehe ich verstehen kann was passiert, umklammern von hinter zwei Hände fest Kopf und  Kiefer und die Ärztin steuert mit einer groben Zange direkt auf meine Mundhöhle zu. Sie grinst sanft, fragt mich ob ich bereit bin, ich starre. „Das wird jetzt wie eine kleine Geburt. Keine Angst!“ – lol.

Zange und Zahn führen einen fest umschlungenen, wilden Tanz auf. Sie drehen sich gemeinsam, schütteln sich hin und her, tanzen zik-zak und springen auf und ab, es knirscht und knackst. Zwischendurch macht meine Ärztin (danke für dieses Einfühlvermögen!) immer wieder Pausen und lässt mich meinen Kiefer schließen. Eh schon egal, ich spür schon nichts mehr außer Druck und Angst vor dem Schmerz. Tatsächlich ist die Angst vor dem bevorstehenden Schmerz schlimmer als das Ziehen selbst. Nach nicht einmal fünf Minuten ist die Aktion für beendet erklärt, weil Zahn außerhalb meines Mundes und mein Gesicht befreit von dem sanften Klammergriff der Assistentin. Erst jetzt kommen mir Bilder wie bei Clockwork Orange oder Requiem for a Dream in den Kopf; wär jetzt aber lächerlich mich mit jenen Zwangshandlungen in Verbindung zu setzen. Aber ja, die Macht der Gedanken, nö?

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Mit Schmerztablette, gesäubertem Zahn als Trophäe und ein paar Taschentüchern werd ich dann lächelnd und auf die Schulter klopfend verabschiedet. „Das hast du ganz gut gemacht!“ – Hatte ich eine andere Wahl? „Ich hab mich bemüht!“, antworte ich mit Blut getränktem Mund, bemüht um so wenig Blutsabberei wie möglich. Vom vielen Nasenbluten meiner Kindheit ist mir der Geschmack von Blut im Mund vertraut; leider nie so richtig daran gewöhnt, immer noch eklig. Ich muss frühzeitig aus dem Bus flüchten um auf den Gehsteig spucken zu können; das verwundert sogar das Klientel des 14a, ich spüre ihre Blicke hinter meinem Rücken. „Immer diese Druffis!“, werden die sich wohl denken. Zum Glück hab ich heute keine Termine mehr und kann meinen Betäubungsrausch in vollen Zügen genießen; Um ein Viertel weniger weise, um das dreifache betäubter – und das schon zu Mittag. Schön so.

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2 thoughts on “Zug um Zug und dann kam Blut”

    1. Hi Ulrike,
      danke für deine Empathie! 🙂 mittlerweile ist alles wieder gut, mein Mund lacht wieder. Nehm dich gern mit auf weitere Reisen – so richtig einfach gehts mit einem FOLLOW.
      LG

      Liked by 1 person

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