alltäglich

Ein Sonntag in Rosa

Seit ich mich so richtig Selbstständig gemacht hab (oh boy..erwachsen werden is ja vielleicht scheisse, ha?!), fällt es mir zusehends schwer, mir Sonntage zu gönnen. Sonntage als Nichtstage. Nicht arbeiten, nichts muss passieren, nichts soll geschehen, alles darf sein. Vergangenen Sonntag haben mich mal wieder meine herzallerliebsten Kuchenkatzerln gerufen in eines der vielen, vielen Aidas zu schlendern um dort mit ihnen Kuchen zu schlemmen und Kaffee zu schlürfen. Wir verbrachten in den vergangenen Jahren einige Sonntage mit Kuchen, Schlagobers und Sorgen, in den stets durch und durch rosa ausgekleideten Aida Räumlichkeiten und berieten uns gegenseitig über unsere hoffnungslosen Liebschaften, schwadronierten über Alltäglichkeit, Glückseligkeit und Heiterkeit, schwärmten von einer schönen Vergangenheit und von einer ausgedachten, unverhofften Zukunft; wir besprechen bei unseren Kuchentreffen die Weltpolitik („Fuck Trump!“), diskutieren die Gesellschaft Wiens („You don’t know what queer really means to us!“), quälen uns durch Gemeindebaumärchen („Ach, Ich hätt auch so gern einen nine-to-fife-Job!“) und erzählen von unseren Szeneclub Geschichten („Gestern Nacht hab ich auf der Bühne getanzt, obwohl die Musik scheisse war!“)

M. hat grüne Haare, sie erinnern mich an meine ersten Versuche die Absinthgrüne Fee zu treffen, damals mit der Schulklasse in Prag. S. hatte mal grüne Haare, oder so. Heute sind sie graugrün, trotzdem allemal grüner als meine. Wir sitzen am mittigsten Tisch des Praterstern-Aidas. Umgeben von Rosa, Spiegeln, ein bisschen Gold und ganz viel Mensch. Menschlichkeit, Kuchen, Sonntagslaune und Schlagobers. Der Praterstern wird von schräg einfallendem Sonnenlicht scharf geschnitten, das Aida ist bis auf alle klapprigen Sessel und durchgesessenen Polsterbankerln besetzt. Das einzige Nahrungsmittel hier ist Zucker in Form von Kuchen und Schnitten und Gebackenem. Dazu wird Kaffee getrunken, heiße Schokolade geschlürft und – ganz neu im Angebot – ein Stamperl zum Tortenstück bestellt. Nennt sich dann, ganz nach Aida, „mit Musik“; warum auch immer. Es soll wohl den Trinkfreudigen helfen, sonntags unter Gleichgesinnten den Spiegel zu halten, während sich im Spiegel gegenüber beim Schlagobers aus dem Mundwinkel lecken zugesehen werden kann.

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Foto ©Aida Website

Ich lache noch über die ganze Seite an alkoholreichem Angebot, welches die Aida-Karte im Vergleich zum viel kürzeren Limonadenangebot zu bieten hat und erfreue mich an meiner eigenen rosa Stimmung, schaue nicht lesend und die endlose Liste an Naschereien nicht beachtend durch die Seiten des Menüs und bestelle dann einen Cappuccino (ich weiß, sooo unwienerisch!) und ein Nougatschüsserl. Am Nebentisch füttert eine Mutter ihren kleinen, blonden, glupschäugigen Nachwuchs mit einem Löffel Schlagobers nach dem anderen, er lehnt ihr nur noch in den Armen, bewegungsunfreudig und im Kuchenkoma. Mein Sessel wackelt; ein gebrechlicher, alter, viel zu schwerer Mann benutzt ihn als Stütze um seinen beschwerlichen Weg zur Toilette fortzusetzen. Er schiebt seine Kugel ruhig an meiner ihm nachschauenden Nase vorbei, zögert kurz, benutzt dann aber unseren kleinen, ebenso wackeligen Tisch doch nicht als eine weitere Stütze; er schaffts freihändig bis zum Toilettentürgriff. An ihm vorbei nähert sich in schnellen Schritten die Kellnerin, sie trägt stolz die Aufschrift I “ in rosa Lettern auf der Brust. Gekonnt setzt sie die auf ihren Händen balancierenden Tellerchen auf unserem Tisch ab. Der Kaffee ist schon da, der Kuchen serviert. Alles schlemmt!

Die Konsistenz meines (doch kleiner als gedacht) Nougatschüsserls ähnelt dem eines kleinen Beckens voller Treibsand. Dickflüssig, zuerst fest und scheinbar undurchdringlich, bis die dicke Masse dann doch meinen Löffel fest im Griff hat und ihn in sich hinein zieht, ihn verschlingt und nie wieder loszulassen scheint. Ich hebe den Löffel und mit ihm das ganze Nougatschüsserl. Es klebt an meinem Besteck. Es will nicht gegessen werden, es isst meinen Löffel. Es ist mein Löffel. Ich setze es wieder ab, um mit meinen Fingern vorsichtig den Löffel vom Nougatschüsserl zu befreien. Dann klebt es an meinen Fingern. Ich ahne schon, eine Nougatsauerei steht kurz bevor. Eine der Aida Damen, gekleidet in Aida-rosa Hijab, lächelt mich an. Sie kennt wohl, was ich durchmache. Ich atme einmal langsam und tief durch, betrachte das durchgemischte, um mich versammelte Publikum. Schon lange nicht mehr, oder noch nie, treffen sich in den Aidas, die über ganz Wien verteilt sind, nur alte Damen zum Kuchenessen. Allesamt sind sie vertieft in Gespräche, Liebeleien, Schlemmereien; verständnisvolle Blicke treffen sich, verträumt geschäumte Gedanken schweifen aneinander vorbei, zuckersüßes Kichern landet dort in einem Macchiato und endet wo anders in einer rosa Serviette. Ich starre auf mein Nougatschüsserl. Es begutachtet mich, testet mich. Bin ich bereit für diesen Sonntags-Aida-Zuckerschock? Ich meine: ja. Das Nougatschüsserl kichert und klammert sich fest an meinen Löffel. Ich hebe ihn ein weiteres Mal in die Luft, bewege ihn mitsamt des ganz daran klebenden Nougatschüsserls und anhaftenden rosa Papierls zu meinem Mund und beiße ab. Meine Lippen gleiten entlang des Nougathorizonts, meine Zähne durchbrechen den feinen Mürbteig. Innerhalb weniger Sekunden erreicht mein Blutzuckerspiegel den Tageshöchstwert, ich stoße eine Atombombe an Endorphinen aus und in mir frohlockt es. Entzückend. Klebrig erfüllt die Noutgatmasse meine gesamte Mundhöhle. Ein Schluck Kaffee wird’s schon richten. So lässt sich das Jammern über meine Sozialversicherungsbeiträge und die Erkenntnisse unseres jungen Erwachsenenlebens besser ausblenden, überblenden und runterschlucken. Zum Glück ist die Aidakarte gut bestückt für alle folgenden Sonntage und mein Lauf-Date für diesen Sonntag schon fixiert.

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3 thoughts on “Ein Sonntag in Rosa”

  1. Wie typisch österreichisch das klingt – Kuchensonntag. Ich glaube, so lange ich sonntags im Kaffeehaus Kuchen esse, fühle ich mich überall auf der Welt zu hause. Was ist das Leben, wenn auch der Sonntag zum Arbeitstag wird :P. Es geht mir genauso.

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