nachgedacht

Frühlingsungeduldigkeit

Gegen „Ende“ des Winters hin werden immer alle Zellen meines Körper bissi ungeduldig. Es war schon ein, zwei Mal richtig warm in der Sonne und es ist jetzt auch Nachmittags noch nicht tiefschwarze Nacht. Ich ertappe mich, wie ich minutenlang still herumsitze, lausche, die Bäume, die noch knorrig als Überreste der fröstelnden Monate in Tiefschlaf versetzt sind, stehen blätterlos im Garten und warten auf die herannahende Wärme, sie werden es früher bemerken als ich; ich vernehme erste Vogelgesänge, der Duft von feuchter Erde erreicht meine Nasenflügel und erfüllt meinen Atem, erweckt Erinnerungen an alle Frühlingserwachen in den Jahreszyklen zuvor – immer ein Garant für spontane Endorphin Ausschüttungen. Meine Brust hebt sich, ich atme tief ein, mehr und mehr und mehr; meine Lungenflügel holen sich erfrischende, frühlingsfrische Luft in den Körper, sie wollen mehr davon, es dürstet ihnen danach. Nach kühler, sonnen-süßlich angereicherter Frischluft; feucht vom schmelzenden Schnee und durchzogen mit schattiger Kälte. Es stimmt mich fröhlich, mein Körper erwacht und fühlt sich freudig erregt. Aufgeregt und gespannt bereitet er sich durch diesen Frischluftstoß vor, auf einen neuen Frühling, auf ein neues Erwachen.

Was würden die eingeschlafenen Wien-Beheimateten ohne einen alljährlich wiederkehrenden Frühling tun? Wir sudern uns monatelang depressiv durch den grauen Gatschwinter und auf einmal hören wir dieses erste, das triste Bild des Winters durchbrechende, schrill an unser Ohr heranfliegende Zwitschern eines Vogels; und werden, als hätten wir es schon wieder vergessen, an den herannahenden Jahreszeitenwechsel erinnert. „Ah ja! Es kann ja wieder wärmer werden!“

Aneinander vorbeigehende Passanten haben wieder Gesichter, trauen sich aus ihrem Schal heraus um sich in die Augen zu sehen. Die nicht so mutigen RadlerInnen scheren wieder aus, zeigen sich und ihre Zweiradschlitten wieder her. Neue Saison, neuer Rahmen, alte Klingel, noch immer kein Gepäcksträger („Oida, schaut ja voll ned schnittig aus!“) Dopamin-gepusht gehe ich durch die Gassen der Bezirke, wechsle von nun an immer auf die Sonnenseite und genieße meinen euphorischen Vitamin D Rausch in langandauernden Zügen.

Jetzt passierts mir wieder, dass ich viel zu ungeduldig bin mit viel draußen sein, draußen sitzen, natürlich nimma den schweren Wintermantel auf den Schultern tragen; sich verquatschen, frösteln. Sportmachen geht jetzt auch wieder in Sportkleidung und nicht im Skianzug. Auf die Bim warten klappt auch schon wieder ohne Erfrierungserscheinungen und auch die unangenehme Nebenerscheinung des och so kitschigen Schneefalls verkriecht sich mittlerweile in die schattigen Plätze am Gehsteigrand, wo sie vergessen vor sich hinschmelzen darf und sich verwandelt, zu einer schwarzen, mürben Kiesgrube.

kinderbankerl
©Johanna Rauch

Die Stadt wird sich bald wieder an alle Farben erinnern, die sie zu bieten hat. Danke Wien, dass du so grün sein kannst! Deine Gärten und Grünflächen sind der perfekte Ausgleich zu einer gesunden Balance und verantwortlich für viel Farbe in unser aller Stadtleben. Ich mein, Wien sieht in Grau ja unglaublich süß und charmant aus; ein graues Wien verleitet dich zu gedämpften Denken, es flüstert dir sanft ins Ohr, du sollst den Tag ruhend verweilen, ins grau hinein denken und dich nach Kaffee und Tee sehnen; am Schreibtisch Platz machen für offline Zeitung lesen, dir Zeit lassen. Ich liebe frühe Morgenstunden, wenn ich aus dem Fenster schaue und die kahlen Äste der Bäume, die mein Blick aus dem Fester ausfüllen, den nebelgrauen Himmel durchbohren. Sie lassen durch den harten Kontrast erahnen, dass hinter dem eingepolsterten Himmel viel Licht herrscht; dieses dringt aber nicht bis an mein Auge heran. Heute blendet es nicht, es leuchtet schwach hellgrau am Himmel. Es ist ein sanftes Streicheln des noch jungen Tages der mich aus dem Bett lockt, aber aufstehen mit hellem Himmel ist eine Befreiung nach den schweren Wintermonaten in Dunkelheit und Kälte. Es mag zwar noch nicht so richtig frühlingswarm werden, aber auch ein Wiener Winter hat amal ein Ende.

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