alltäglich

Late-night-Ladenralley

Zum Glück gibt’s auf Google mittlerweile eine eigene Anzeige für noch geöffnete Supermärkte deiner Wahl in deiner Nähe. Mal wieder hilft mir mein Smartes Phone auf die Sprünge, wenn es zum wiederholten Male passiert; Wenn ich mal wieder zu lange im Büro war und darauf vergessen habe, dass ich ein Mensch bin und spät Abends Hunger bekommen werde und ich dazu aber Lebensmittel in meinem Kühlschrank brauche. Mein, in meiner Brusttasche festsitzendes, flaches Alleswisserlein ohne Tasten, gibt mir dann immer brav Auskunft darüber, ob ich eine Station früher aus der Bim springen soll, schnell über die Straße bei rot, und dann noch rechtzeitig beim Supermarkt ankommen werde. Noch bevor sich die Glasschiebetüren langsam, durch erkennen meiner Visage aufschieben, sehe ich vor meinem inneren, jetzt doch schon hungrigen Auge, diverse Lebensmittel aufpoppen und vorbeischweben. Brot, Dinkelmilch, Joghurt, Äpfel, Salat wär mal wieder geil, Rotwein für das Blaukraut brauch ich auch noch, hab ich noch Oliven zuhause?, und das obligatorische all-time-dabei Wurzelgemüse wird auch noch schnell auf die imaginäre Einkaufsliste hinter meiner Stirn geschrieben. Mit zügigem Schritt betrete ich den Laden, schnappe mir im Vorbeirennen neben dem Eingang einen Plastikkorb und atme einmal tief durch. Ich hab’s geschafft, immerhin bin ich noch fünf Minuten vor Ladenschluss innerhalb des Gebäudes gelandet und vor mir breitet sich der wundervoll bunte Überflusswahnsinn aus, den ein regulärer, verhältnismäßig eh kleiner Supermarkt um diese Uhrzeit noch zu bieten hat. ‘Noch’ ist gut.. die Regale, vor allem die frischen Obst- und Gemüseabteilungen sind vollgefüllt bis zum Rand.

Um mich herum wildes Getümmel, es wird schon aufgeräumt, Einkaufswägen – zu langen Ketten aneinandergereiht – werden scheppernd an mir vorbeigeschoben, leere Kartons schleppen sich, ohne eine Person dahinter erkenntlich zu geben, schwebend an mir vorüber; eifrig wird geputzt und eingeräumt was weggesperrt gehört. Doch niemand beachtet hier die Late-night Kundschaft; ich mag an diesem Abend wohl nicht die einzige Person gewesen sein, die noch zehn Minuten vor Ladenschluss draufgekommen ist, dass sich der Kühlschrank zuhause alleine und ohne Inhalt kühlt, leergeräumt vor sich hin fröstelt und auf frische Freunde wartet. Es befinden sich zig Personen in dem Laden. Eine alte Dame, sie schiebt gemächlich ihren fast leeren Einkaufswagen durch die Gemüseabteilung, liest lange an Etiketten, starrt versteinert auf das Obst; sie lässt sich Zeit, es scheint, sie wäre die Zeit. Nur wenn sie sich bewegt, darf sich der Laden bewegen. Steht sie still, müssen auch wir alle warten und womöglich auch die Luft anhalten, um sie nicht vom Studieren der Nährstoffe abzuhalten. Ein Regal weiter steht eine junge Dame mit fetten Kopfhörern vor den Rotweinflaschen und wippt energisch mit ihren Hüften, während auch sie ungestört langsam die Etiketten durchliest und sich für keinen Wein zu interessieren scheint. Neben ihr lässt sich ein Mann an der Wursttheke beraten und spricht mit der Wurstfachverkäuferin interessiert über Speck und Co. (Beim Reden kommen die Leut zam!) Eine Mutter schiebt entnervt ihren kleinen Sohn von einem Regal zum anderen, lotst ihn mit rollenden Augen durch das Labyrinth der Ladenpsychologie; Eine Ecke weiter entdecke ich einen desillusionierten, mit offenem Mund in die Luft starrenden jungen Mann mit einer Handvoll Lebensmittel in seinem Jutebeutel, und Rotwein – er bemerkt mich, grinst mir zu und schreitet dann behaglichen Schrittes weiter. Neben uns testet eine ältere Dame mit dunklem, knöchellangem Mantel die Druckfestigkeit der Semmeln, sie scheint nicht zufrieden damit zu sein, mit keiner Einzigen der Getesteten, also legt sie eine nach der anderen wieder zurück auf den Haufen.

nachtmesseprater

Ich bemühe mich eigentlich schnell voranzukommen, doch werde ich an jedem Meter meiner Ralley durch den Laden von der Aufmerksamkeitanziehungskraft einer weiteren Person angezogen und muss mit großem Verblüffen feststellen, dass sich die Leute wirklich unendlich Zeit lassen beim Einkaufen um diese Uhrzeit; wenn es darum geht, den Laden eigentlich schon vor fünf Minuten verlassen haben zu müssen. Schließlich reihe ich mich ein in die Schlange der einzigen Kassa, die noch offen hat. Der junge Mann auf der anderen Seite des Fließbandes schwitzt bereits Blut, seine Pupillen sind weit geöffnet, sein lautes Atmen höre ich schon von Weitem. Er braucht sich sicher nicht so zu stressen, bei der Geschwindigkeit kommt ja niemand hinterher um die eigenen – oder noch nicht eigenen, aber bald Eigentum – Lebensmittel auf das Band zu legen. Ich kann ihm ein keuchendes „Abend!“ entlocken. Die Dame vor mir ist mit dem Einpacken ihrer zwei Kekspackungen, einer Chipspackung und einer Tafel Schokolade derart überfordert, dass sich mein Einkauf aufstaut und der Kassierer nur mehr nervös durch die Gegend schaut. Das verstopfte Fließbandende nicht aus den Augen verlierend, händigt er mir ein Ding nach dem anderen über die Kassa und nimmt mit der anderen Hand meinen 20€ Schein entgegen. Eine gefühlte und kaum bemerkte hundertstel Sekunde später streckt er mir, schön aufgereiht auf seiner Handfläche, ein paar Münzen entgegen; die Rechnung fliegt im hohen Bogen gleich hinterher. Ich bin abgearbeitet, fertig. Gleich verpackt und seine vor-, vor-, vorletzte Kundin. Oder vielleicht auch nicht. Wer weiß, was für Late-Night-Zombies sich da noch zwischen den Regalen verstecken. Der Dreiklang, der den Ladneschluss signalisieren soll, ertönt, ich schwinge meinen vollbepackten Rucksack auf meine Schultern und verlasse den Supermarkt. Geschafft, just in time; dieses Mal möglicherweise sogar in Rekordzeit.

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