poesie

Oida, Wien, bist du schön!

Was fühlst du, wenn du durch Wiens Straßen gehst?

Ich meine nicht dann, wenn es in der Innenstadt derart heiß ist, dass du die dicke, stinkende, Stephansdomluft durchschneiden musst; dich entweder in deinen Steinmauern im Schatten versteckst oder mit stur Richtung Ubahn gerichtetem Schritt zur Donau flüchtest. (Warum nicht endlich mal näher an die Donau ziehen?) Ich mein auch nicht einer der vielen Grautage, wenn du meinst, Gemeindebauten nicht mehr von der Nebelwand unterscheiden zu können; und sich jenes graue Fell, das in den Himmel gewebt die Stadt erdrückt, dich auch in Gedanken vergrauen lässt. Nicht dann, wenn es nur noch regnet und mal wieder ein gschissener pink gekleideter Radfahrer, mit zu großem Rucksack, diese Pfütze vor dir liebevoll einen Meter gegen die Schwerkraft auf deine Hose katapultiert. („Stress di ned heast!“).
Ich rede auch nicht von den Tagen, wenn sich mehr Schnee die Wiener Linien entlang zerstreut, als die Ordnungshüter unter Kontrolle halten könnten. Noch weniger rede ich von jenen Nächten und feuchten Plätzen der Sünde, an denen sekündlich Gehirnzellen in die verlorene Unendlichkeit geballert werden und dem Leben mit tiefen Pupillen in die Seele geschaut wird. Ich meine weder den Park, in dem mehr Hundekot ausgewichen werden muss, als spielenden Kindern; Noch mein ich jenen, in dem jetzt nicht mehr so viele Junkies schlafen, weil die Bänke erneuert – modernisiert – wurden; Noch mein ich jene Tage im Kaffeehaus, wenn sich nur mit ganz viel Melancholie und sorgfältig gerösteten Bohnen der Weltschmerz lindern lässt und du die Zeit kontrollierst, indem du sie nicht beachtest und in ihr verloren gehst; dich auflöst, wie der Zuckerwürfel, der den dunklen Kaffee zwar versüßt aber nicht heller machen kann. Bestimmt meine ich auch nicht die Tage, an denen du dich im 13a deinen Zukunftsängsten stellst und meinst, einen Businessplan für dein adult-life parat haben zu müssen. (Und zwar noch bevor du im Büro ankommst. „Werd erwachsen, heast!“). Mit Sicherheit meine ich auch nicht jene Tage, an denen du stolz und mit warmgepumpten Waden deine Wohnung erreichst und dich selbst feierst, weil Radfahren in Wien Pflicht ist und du die Stadt verstehst und auf Zwei Rädern nutzt (Und insgeheim dein Rad mehr liebst als deine besten Freunde). Ich versuche hier auch nicht über die Sonntage zu reden, diese schweren Bastarde, die dich fest umklammernd, faulenzend in einem leeren Kühlschrank in Netflicity gefangen halten. Ich schreibe auch nicht über die Nächte, die kühlen Nächte mit feucht glitzerndem Pflasterstein, entlang der vollen Taxistandeln mit Uber-müdeten Taxlern, an denen du vorbeispazierst, während du den Ring umrundest und den Lichtern folgend nachhause flanierst; wenn sich das Stadtbild zum wiederholten und unzähligen Male visuell in dir kopiert und archiviert; sich hinter deinen Augen schlafen legt und als Gefühl memoriert wird.

ring_paar.jpg

Ich rede nicht von einem einzelnen Moment den du, den wir alle, in dieser Stadt erleben. Ich rede von allen gemeinsam. Ich rede von einem Gefühl dieser Stadt, eine innere Stimme, die Wien den Takt angibt. Ich nenne es Wienancholie. Es ist das Erleben der Stadt, die Stadt als dich umgebenden Raum, der durch deine Energie mit Leben gefüllt wird. Wien ist, was du daraus machst. Es ist die Liebe zu Wien, die ich selber noch nicht ganz verstehe. Aber teilen möchte.

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